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Veröffentlicht in: Zeitschrift für Sozialökonomie 180/181, April 2014, S. 74–76.

Rezension von: Bernard Lietaer, Christian Arnsperger, Sally Goerner, Stefan Brunnhuber: Geld und Nachhaltigkeit, ISBN 978-3-944305-06-6, Europa Verlag Berlin, 2013.

Autoren: Philipp Degens und Oliver Richters

Volltext

Der Club of Rome hat seit der Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ immer wieder wichtige gesellschaftliche und politische Themen auf die Tagesordnung gesetzt. Der 2012 erschienene Bericht „Money and Sustainability – The Missing Link“ liegt seit dem letzten Jahr auch in deutscher Übersetzung vor. Dieser Bericht an den Club of Rome befasst sich zentral mit dem Geld- und Finanzsystem und dem ihm inhärenten Mangel an Nachhaltigkeit. Geschrieben wurde der Bericht von vier AutorInnen mit unterschiedlichen, sich im Hinblick auf das vorgenommene Programm ergänzenden Hintergründen. Dies unterstreicht das Anliegen, an der Überwindung herkömmlicher wirtschaftswissenschaftlicher Paradigmen mitzuwirken.

Es handelt sich um einen klaren und in gut verständlicher Sprache verfassten Bericht an die breite Öffentlichkeit, nicht um einen wissenschaftlichen Beitrag für ausgewiesenes Fachpublikum. Dies äußert sich auch in der vergleichsweise sparsamen Verwendung von Quellenangaben und der teilweise skizzenhaften Argumentationsweise. Ziel der AutorInnen ist es, zum Nachdenken über Ansätze anzuregen, „deren Möglichkeiten bis heute noch nicht ausreichend erkundet worden sind“. (S. 51) Zu den im Bericht behandelten Themen gehören folgerichtig neben dem existierenden System – als überholtes Finanzsystem bezeichnet – und seiner Probleme auch verschiedene mögliche Lösungsvorschläge, die Teil eines monetären Ökosystems sind. Die Bedeutung eines solchen Systems leiten die AutorInnen insbesondere aus der Anwendung von Erkenntnissen der Physik komplexer Systeme ab.

Zentral ist die These, dass unser Geldsystem aufgrund inhärenter Designfehler zu häufigen Systemkrisen – Bankenkrisen, Staatsschuldenkrisen und Währungskrisen – führt. Spiegelbildlich sehen die AutorInnen im Design des Geldsystems auch den – wenn alleine auch nicht hinreichenden, jedoch notwendigen – Schlüssel zur Lösung der verschiedenen, miteinander verbundenen Probleme. Hier schwingt ein utopisches Element der Geldreform mit.

Wie gehen die AutorInnen nun konkret vor? Zunächst enthält das Buch einige Vorbemerkungen, unter anderem ein Vorwort von Dennis Meadows, der die Neuheit der Verknüpfung von Finanzsystem und Nachhaltigkeit herausstellt. Dann folgt der Bericht selbst, welcher neben einer Einleitung aus neun Kapiteln besteht. Anfangs erklären die AutorInnen Ziele und Aufbau des Berichtes (Kapitel 1), ehe sie zeigen, welchen Paradigmen die herkömmliche ökonomische Theorie unterliegt und welche blinden Flecken damit zusammenhängen (Kapitel 2). Dann erläutern sie die Instabilität von Währungen und Banken und die dadurch regelmäßig und notwendigerweise auftretenden Systemkrisen. Auch zeigen sie auf, wie Lösungsvorschläge der Privatisierung weitere Umverteilung und eine Erhöhung sozialer Ungleichheit zur Folge haben, den Staaten allerdings keine weiteren Handlungsspielräume oder gar eine langfristige Erhöhung ihrer Kreditwürdigkeit bescheren (Kapitel 3). In einem nächsten Schritt liefern die AutorInnen eine Einführung in die Physik komplexer Flussnetzwerke. Instabilitäten werden dabei vor allem an einer dem jeweiligen System eigenen Überbetonung von Effizienz ausgemacht. Es fehle dadurch an Resilienz, also Anpassungsfähigkeit und Toleranz gegenüber Störungen. Erst wenn zwischen beiden ein Optimum gefunden ist, sei das System maximal nachhaltig (S.136). Im Gegensatz zu natürlichen Systemen werde im heutigen Finanzsystem die Effizienz überbetont. Analog zu Flussnetzwerken postulieren die AutorInnen daher ein monetäres Ökosystem, dessen Design die Offenheit wirtschaftlicher Systeme ernstnimmt und Effizienz und Resilienz gleichermaßen beachtet (Kapitel 4). Darauf aufbauend zeigen die AutorInnen, welche destruktiven Auswirkungen unser Geldsystem auf die Nachhaltigkeit hat. Hier problematisieren sie insbesondere die mit prozyklischer Kreditgeldschöpfung verbundene Verstärkung von Boom-Bust-Zyklen, die durch Abzinsung von Gewinnen und Kosten verstärkte Kurzsichtigkeit des Denkens, einen dem Zinseszins inhärenten Wachstumszwang sowie ein hohes Maß an sozialer Ungleichheit und die Erosion von Sozialkapital (Kapitel 5). In der anschließenden Analyse der Verknüpfung von Geld und Macht, die auf Niall Fergusons historischen Untersuchungen aufbaut, diskutieren sie Möglichkeiten von Staaten und Regierungen, durch die Akzeptanz bestimmter Geldformen als Steuerzahlungsmittel Einfluss auf die Architektur des Geldsystems zu nehmen. Hier diskutieren sie kurz den Chicago-Plan und erörtern Grundsätze von Staats- und Kredittheorien des Geldes (Kapitel 6). In den folgenden Kapiteln werden verschiedene privat initiierte (Kapitel 7) und staatlich initiierte (Kapitel 8) Lösungen vorgestellt. Hierbei handelt es sich überwiegend nicht um existierende empirische Beispiele, sondern um Vorschläge, die unterschiedlich detailliert konzipiert sind. Abschließend verdeutlicht Kapitel 9 noch einmal den Zusammenhang von Geldsystem und gegenwärtigen ökologischen, sozialen und ökonomischen Problemen.

Die AutorInnen zeigen in wissenschaftsgeschichtlichen Ausflügen anschaulich, wie die herkömmliche Wirtschaftswissenschaft an Paradigmen gebunden ist, welche auf geschlossenen Systemen und Gleichgewichtstheorien ansetzen, allerdings auf dem Stand der Physik des 19. Jahrhunderts verbleiben. An die Stelle solcher überholter Theorien, die wesentlich auf der Mechanik und linearer Kausalität basieren, sollen neue Ansätze auf der Analyse komplexer Systeme, nicht-linearer Kausalität und der Berücksichtigung der informationstheoretischen Entropie basieren. Ausgehend von der Überlegung, dass „ganz allgemein […] die Resilienz eines Systems durch größere Vielfalt und durch mehr Pfade (oder Verbindungen) verbessert [wird]“, fordern die AutorInnen eine Vielfalt der Geldformen, um Instabilitäten zu verringern. Aus diesem Grund halten sie Reformvorschläge wie den Chicago-Plan, welcher die Abschaffung der Geldschöpfung durch Banken und eine damit einhergehende Stärkung der Zentralbankgeldschöpfung fordert, für unzureichend. Die zentrale Aussage des Berichtes ist schließlich, dass jede Form monopolartiger Geldschöpfungsprozesse unzureichend oder gar schädlich ist. Monetäre Monokulturen mögen effizient sein, aber wenig resilient, somit also nicht nachhaltig.

Während die Forderung, unser Geldsystem mit seinen Problemen und Risiken zu überdenken, ausführlich erläutert und anschaulich dargelegt wird, bleibt die Argumentation für die Überlegenheit eines monetären Ökosystems allerdings lückenhaft. Die AutorInnen nutzen überwiegend Analogieschlüsse aus der Analyse komplexer Flusssysteme, um die Forderung des monetären Ökosystems zu untermauern. Sie gehen aber nicht auf mögliche spezifische Komplexitätsanforderungen technischer oder sozio-ökonomischer Systeme ein. Auch eine Stabilitätsanalyse eines solchen Systems muss erst noch konzipiert werden. Wie die verschiedenen Gelder innerhalb eines monetären Ökosystems interagieren sollten, wird allenfalls angerissen. Ein solches System müsste auf der einen Seite genügend Offenheit bzw. Umtauschbarkeit der Geldformen garantieren, allerdings gleichzeitig Beschränkungen auferlegen, um etwa Herdenverhalten, welches selbst systemische Risiken beinhaltet, zu vermeiden. Schließlich kann gerade die Vielzahl potentieller Interaktionen systemische Ereignisse hervorrufen.

Das Buch bietet, und dies ist eine besonders wertvolle Leistung, eine Zusammenführung des Nachhaltigkeits- und des Gelddiskurses. Insofern befinden sich die Autoren in einer Linie mit Richard Douthwaites „Ecology of Money“ (1999). Während innerhalb der Literatur von und zu Komplementärwährungen und ihrer Organisationen das Element ökologischer Nachhaltigkeit häufig betont wird und auch Ausdruck in der Nähe vieler Projekte zu lokalem und ökologischem Konsum findet, ist die Auseinandersetzung mit Geldpluralismus innerhalb des Nachhaltigkeitsdiskurses noch unterrepräsentiert. Dies, so ist zu hoffen, ändert sich in näherer Zukunft – auch durch den Anstoß, den dieser Bericht an den Club of Rome liefert.